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Lagerpolitik
20.03.2006
Reflexion eines Einwanderers, der von Mauretanien auf die Kanarischen Inseln reisen wird

Brief eines Betroffenen

Ich kenne diesen senegalesischen Kompagnero seit dem wir uns im Wald von Ceuta im Jahre 2003 trafen. Ein intelligenter Mann, gebildet und kämpferisch, er wurde von Marokko nach Senegal abgeschoben nachdem was im spanischen Staat die Krise der Zäune genannt wurde. Jetzt versucht er es auf eine andere Art, ein neuer Weg durch Mauretanien und erklärt uns ganz klar warum und lacht sehr über einige Informationen, die wir in den Kommunikationsmedien gehört haben.

"Weißt Du Helena, diese Route benutzte man schon im Jahr 2001, danach blieb sie versperrt, sie war sehr gefährlich und wir selbst forderten keine Sicherheit, also suchten wir den Weg über Algerien. Aus diesem Grund trafst Du mich im Jahr 2003 im Wald.
In Marokko kann man sich nicht in den Städten aufhalten, es gibt auch keine Arbeit, es ist nicht wie in Algerien, in Marokko arbeitet kein Schwarzer.

Deswegen waren wir im Wald, das Leben war sehr hart aber Du weißt, dass wir unsere Regeln hatten die uns ermöglichten, ausgeglichen zu sein uns es gab viel Solidarität.

Die Leute gelangten allmählich nach Ceuta, Du wartetest auf Deine Gelegenheit. Aber als Spanien anfing, mit dieser Politik Marokko Geld zu geben, wurde alles extrem schwierig.

Die Europäer denken, dass wir keine BürgerInnen sind, dass wir keine politische Analyse besitzen, dass die Mafias, von denen sie reden, uns handhaben als wären wir dressierte Hündchen. Weißt Du, das ist eine andere Form von Rassismus.

Es ist wahr, dass es viele Analphabeten gibt, die das Land verlassen, aber die Mehrheit sind Leute die studiert haben oder sich selber gebildet haben, das hängt von den Ländern ab. Aber selbst die Analphabeten, die weggehen, sind starke Leute. Stell Dir vor, einer aus Mali, deren Gemeinschaft selten Schlepper benutzt, viele haben keine Schulbildung, aber es ist für eine Mafia schwer, sie kontrollieren zu können, praktisch unmöglich.

Ein anderer Fall ist der Handel von Frauen, aber diese Organisationen nehmen für Eure Regierungen nur einen nachrangigen Platz ein, weil das viel mehr Geld bringt, als wir natürlich.

Gut, kehren wir zur Politik von Spanien und Europa zurück, die Geld an die Länder geben durch die wir durchreisen. Stell Dir vor, das hat bewirkt dass sich unsere Strategien offensichtlich geändert haben, weil die Staaten nichts machen können gegen die Personen.

Ich habe oft an die Nacht gedacht, in der wir alle zum Zaun gingen, es war eine Reaktion auf verschiedene Faktoren, aber eine direkte Antwort auf die europäischen Politiken. Marokko war interessiert, dass wir zum Zaun gingen um den Erhalt von europäischen Geld zu erzwingen und wir wussten, dass es die einzige Gelegenheit war. Sie zwangen uns zu diesem Massaker ...

Jetzt ist es das Gleiche, wir haben diese Route wieder eröffnet und wir müssen die Dinge schnell machen weil wir wissen, dass Europa, Spanien wieder Geld geben wird um diesen Weg zu schließen. Außerdem wissen wir, dass die mauretanische Regierung erfreut sein wird über diese Hilfen, genauso wie die marokkanische Regierung es ist. So wie die Zeit vergeht ist es ein Kampf gegen die Zeit, der neue Form der europäischen Politik zu begegnen."

"In den Medien wird von 10.000 und 15.000 Personen gesprochen, die auf eine Überfahrt warten. Einschließlich ein Journalist von EL Pais sagt, indem er eine Quelle der mauretanischen Regierung zitiert, dass es 5.000.000 EinwandererInnen gibt, die in Mauretanien arbeiten, um sich das Geld für die Überfahrt zu verdienen.
Sag uns mal Deine Sicht zu diesen Behauptungen."

" Ha ha ha, entschuldige dass ich lache. Wenn wir in Mauretanien arbeiten könnten und 1000 Euros sparen könnten, warum sollten wir dann nach Europa fahren. Es ist unglaublich, wie wir Afrikaner die Demokratie und die europäische Freiheit in den Himmel heben und das Komische was entsteht, wenn Du siehst, wie viele Lügen sowohl in den europäischen als auch in den afrikanischen Medien stehen.

Genauso wie gesagt wurde, dass es 20.000 Wartende in den Wäldern in der Nähe von Nador gäbe, unglaublich. Es stimmt, dass wir uns schnell bewegen, vor allen Dingen wie ich gesagt habe, wegen der Ergebnisse der neuen europäischen Politik, aber es sind nicht so viele wie gesagt werden.

Wir müssen das Geld für die Überfahrt und den voraussichtlichen Aufenthalt bekommen weil - wie immer man darüber denken mag - wir Devisen für die Transitländer sind.

"Die Medien sagen auch, dass die cayucos, d.h. die Boote, in denen ihr fahrt, gut ausgerüstet sind. Und ihr auch. Und sie sagen es in einem negativen Ton, diesem Umstand der Vorbereitung der Mafias zuschreibend.

Was denkst Du ?"

Wenn wir im Meer ertrinken sind wir die armen Schwarzen, Opfer der Mafias, und wenn wir uns vorbereiten und schützen sind wir die Bösen und die Mafiosos.

Das Thema ist, dass man uns nie als Gleichberechtigte behandelt und fortfährt die Bresche in der Distanz zwischen Europa und Afrika zu vergrößern.

Nun gut, wenn ich 1000 Euro bezahle für die Reise von der ich sehr wohl weiß, dass ich mein Leben aufs Spiel setze, dann werde ich - der bezahlt - darauf drängen, dass die Dienstleistung so sicher wie möglich ist oder wenn nicht, gibt es keine Abmachung.

Außerdem sage ich Dir, dass es anders ist als in Marokko, Mauretanien ist ein Land wo es viele Farbige gibt und wenn das Boot von Senegal kommend anlegt, kommt es aus einem schwarzem Land.

In Marokko ist der Rassismus viel stärker und wenn eine handvoll Schwarzer stirbt, interessiert es die Leute weniger als hier.

Die Marokkaner haben uns immer als Tiere angesehen.

"Kannst Du uns mehr von Deiner Erwartung erzählen "

Nein, natürlich nicht und niemand wird es besser als Du verstehen. Wir sind gekommen um überzusetzen und uns bleibt vielleicht wenig Zeit. Wir wollen keine NGO's mit ihren humanitären Diskursen, auch nicht Journalisten die schreiben ohne Afrika zu kennen. Und alle kämen hierher, wie es in Ceuta und Melilla passiert ist und klar, vielleicht hilft es manchmal für irgendetwas, aber ich habe noch nie jemanden reden gehört von unserem Recht, dahin zu gehen wohin wir Lust haben.

Warum kommen die Europäer alle in den Ferien nach Senegal, zum Sextourismus mit korrupten Unternehmen und wir können nicht nach Europa fahren um zu arbeiten ?

"Beschreibe doch zumindest wie Du Dich fühlst"

Nervös, ich hoffe bald wegzukommen. Sehr nervös, da ich nicht schwimmen kann. Ich denke an meine Eltern, an meine Familie, auch an die Leute im Wald, an die Toten, die ich am Zaun sah. Ich nehmen an, dass Spanien nicht die Familien der Toten gesucht hat, um sie in ihrer Erde zu begraben und so denke ich, dass ich, wenn ich sterbe, auch nicht in Senegal beerdigt werde.

Dank meiner und der Misere von vielen anderen wie ich, konnte sich eine korrupte Regierung wie die marokkanische die Taschen mit spanischem Geld füllen. Und nicht nur die Regierung, sondern auch marokkanische Menschenrechtsorganisationen haben sich ihre Taschen gefüllt.

Und jetzt werden sich die Taschen der mauretanischen Regierung füllen. Nachher sagen sie, dass die Mafias verdienen, aber in Wirklichkeit nicht viel weniger als die korrupten Regierungen und die Organisationen, die um Menschlichkeit für die armen Schwarzen bitten. Wie Du siehst, bin ich auch wütend.

Erinnerst Du Dich, wie ich in den Senegal abgeschoben wurde, ich sagte Dir, dass Du die Möglichkeit eines Arbeitsvertrages in Spanien sorgfältig überdenken solltest um mit Papieren zu reisen, aber es war nicht möglich, sodass ich mich hier vor dem Meer befinde.

Mir ist sehr kalt aber ich bin sehr froh mit Dir erneut gesprochen zu haben und ich hoffe, dass wir uns in Spanien sehen.

(Übersetzung aus dem spanischen Text)

Sent: Thursday, March 16, 2006 12:24 PM
Subject: DESDE MAURITANIA
Helena Maleno Garzón.

Text auf deutsch
Text auf spanisch

Presse
Netzwerk der Flüchtlingsabwehr (German forein policy vom 04.04.2006)
Spanien schiebt nach Mauretanien ab (DPA vom 28.03.2006)
Massensterben vor den Kanaren (Telepolis vom 24.03.2006)
Massensterben vor den Kanaren (Neues Deutschland vom 22.03.2006)
Spanien will Flüchtlingslager in Mauretanien bauen (Junge Welt vom 22.03.2006)
"Todesschiffe" landen auf den Kanaren (Hamb. Abendblatt vom 18.03.2006)
Mauretaniens Premier bittet um Hilfe (FR vom 18.03.2006)
Tausende Tote (German roreign policy vom 17.03.2006)
Eins zu zehn (German foreign policy vom 13.03.2006)


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